

Noch immer wurden viele Orte nicht mit Hilfe erreicht!
Qalandarabad (DMG). Das Erdbeben letzten Samstag sitzt mir noch in den Knochen. Ich bin unglaublich schreckhaft seither. Sobald ein Grollen zu hören oder eine Erschütterung zu spüren ist, will man nach draußen rennen. Das Erdbeben begann mit einem plötzlichen Grollen. Ich wollte die Treppen hinunter und schaffte es kaum, so sehr bewegte sie sich. Unten wusste ich erst nicht, wohin rennen. Das Haus hinter mir wackelte, die Bäume zitterten, Starkstromleitungen schlugen Feuer, irgendwo strömte Gas aus... Es bebte nur knappe zwei Minuten, mir kamen sie wie eine Ewigkeit vor. Vom Krankenhaus hörte man Schreie. Dann ließ das Beben nach. Ich lief die Treppe wieder hoch, denn dort konnte ich das Krankenhaus sehen. Es stand noch! Angehörige trugen Patienten auf den Armen ins Freie. Dann bebte es wieder. Die Erde schien sich dauernd zu bewegen, mal stärker, mal schwächer.
Das Telefon ging nicht. So wussten wir relativ lange nicht, wie schlimm es in der Umgebung aussah. Dann trafen die Schreckensnachrichten ein: Abbottabad und Mansiera seien schlimm betroffen (Qalandarabad, wo ich arbeite, liegt genau in der Mitte), Balakot sei ganz zerstört. Wir haben überall Bekannte und Freunde. Das Erdbebenzentrum, Musaffarabad liegt nur 50 km entfernt. Ein Überlebender aus Musaffarabad erzählte, dass die Erde nicht gebebt, sondern sich gehoben und gesenkt habe wie Wellen. Die Häuser seien wie Kartenhäuser zusammengestürzt. Patienten und Angehörige, die nicht unbedingt im Krankenhaus bleiben mussten, machten sich auf den Heimweg. Der Rest blieb im Freien, aus Angst vor Nachbeben. Dann wurden Verletzte gebracht: Einem Mann hatte eine einstürzende Mauer den Kopf zertrümmert. Er starb.
Es ist ein unglaubliches Wunder, dass unser Ort Qalandarabad und unser Krankenhaus vom Schlimmsten verschont geblieben sind. Einige Mauern sind eingefallen, aber das war es. Unfassbar! Am Abend gab es einen unglaublichen Sturm und Nachbeben. Mindestens vier Mal rannte ich in der Nacht ins Freie. Da fiel mir der Bibeltext aus 1. Samuel 2,8 ein: „Der Welt Grundfesten sind des Herrn, und er hat die Erde darauf gesetzt.“ Irgendwie bekam ich inneren Frieden. Ich bin in Gottes Hand. Die Panik ließ nach...
Wahrscheinlich wissen Sie vom Ausmaß des Erdbebens durch die Medien mehr als ich (hier war keine Zeit, um Zeitung zu lesen). Aber wir begegnen hier den Menschen! Menschen, die zusehen mussten, wie Angehörigen und Kinder von einstürzenden Häusern verschüttet wurden. Menschen, die alles verloren haben. Es gibt ja hier keine Versicherungen usw. Die Betroffenen stehen vor dem Nichts. Wir versuchen, so gut wie möglich zu helfen – durch kostenlose Behandlung und Nahrung. Wenn unsere Patienten entlassen werden (viele wissen dann nicht wohin), bekommt jede Familie (oder was von ihr übrig ist) ein Überlebenspaket: Zelt, Decke, Seife, Essen und etwas Geld. Für die Menschen hier ist das fast unglaublich, dass wir für sie bezahlen und ihnen helfen. Aber die meisten, denen wir beistehen, müssen zusätzlich damit fertig werden, dass sie ein Bein oder einen Arm verloren haben.
Viele kommen zu spät mit ihren entsetzlichen Verletzungen. Mir wurde fast übel, als wir bei einer jungen Frau im OP den Verband öffneten. Ihr Unterschenkel war eine einzig stinkende Masse. Wir amputierten und beten nun, dass sie durchkommt. Bei einem kleinen Jungen ist es fraglich, ob er sein Bein behalten kann. Ihre Schicksale gehen uns nach, besonders den Schwestern, die auf Station die Verletzten pflegen und sie öfter sehen. Ich gebe den ganzen Tag über Narkose. Die Patienten (oft Kinder) kommen mit Schmerzen, weinen und schreien, und dann darf ich sie für eine Zeit „schmerzfrei“ stellen. Wir benötigen dringend einen Orthopäden.
Viele Orte sind immer noch nicht erreichbar. Immer wieder regnet es, nachts wird es jetzt wirklich kalt. Zudem beschäftigt die Überlebenden, dass sie selbst verschont geblieben sind. Ein Arzt hatte seinen Wochenenddienst getauscht. Wenn nicht, wäre er jetzt unter den Trümmern eines Krankenhauses begraben. Eine Frau ging nur kurz aus dem Haus. Dieses Haus steht nicht mehr, alle anderen Bewohner sind tot. Auf diese Fragen gibt es keine Antwort, aber eines weiß ich: Gott hat uns bewahrt, damit wir helfen können. Ganz herzlichen Dank für jedes Gebet und jede Spende.
Seien Sie herzlich gegrüßt von
Renate H.
(Mitarbeiterin der Deutschen Missionsgemeinschaft in Pakistan, www.DMGint.de)