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Afghanistan: Wenn Frauen aufs Fahrrad steigen

Meldung vom 23.09.2014

In Afghanistan sind Frauen, die Fahrrad fahren, immer noch ein Skandal. Wenn sie zudem noch Leistungssport damit betreiben und zum nationalen Frauenteam des afghanischen Radsportverbands gehören, dann sind viele Beobachter fassungslos. An jedem Werktag steigt Massouma Alizada um acht Uhr abends auf ihr Fahrrad und fährt zu einem Platz im Norden von Kabul, wo das nationale Frauenteam des afghanischen Radsportverbands regelmäßig zusammenkommt.

Gerade ist die Zeit des Ramadan, der muslimische Fastenmonat. Alle Leute befinden sich zu Hause und pflegen zum Fastenbrechen Gemeinschaft. Bald werden sie zu einem kleinen Verdauungsspaziergang nach draußen gehen, doch jetzt sind alle Straßen menschenleer.

Die 17-jährige Massouma schloss sich im letzten Jahr dem Team der afghanischen Radsportlerinnen an. Seitdem trainiert sie fast täglich, um sich für die diesjährigen Asienspiele fit zu machen, die im September 2014 in Südkorea ausgetragen werden. Zum ersten Mal werden afghanische Sportlerinnen bei einem internationalen Wettbewerb mitwirken. Alle sind total nervös, auch deswegen, weil Korea für sie eine Art Generalprobe für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio ist.

An diesem Abend radeln vier Frauen – Massouma, ihre Schwester Zahra und zwei andere. Um die Gesellschaft nicht zu brüskieren, die von Frauen züchtige Kleidung erwartet, sind sie alle mit langärmeligen Hemden und langen Trainingshosen bekleidet. Sie quetschen die Kopftücher unter die Radhelme, beugen sich über die gespendeten Räder und pedalieren hinaus in die Dunkelheit.

Während des zwei-, dreistündigen Trainings halten immer wieder Menschengruppen an und beobachten das Spektakel fahrradfahrender Frauen. Eisverkäufer vergessen ihren Karren und gaffen. Kinder stoßen grelle Pfiffe aus. Ein Junge kugelt sich vor Lachen.

Dreizehn Jahre nach dem Sturz der Taliban kann von Gleichberechtigung immer noch nicht die Rede sein. Eine fahrradfahrende Frau verstößt gegen ihre kulturellen Wertvorstellungen und religiösen Gesetze. Aber Veränderung ist oft die Folge millionenfacher kleiner Zwischenschritte. Massouma und ihre Kolleginnen sind sich dessen bewusst. Sie sind guter Dinge, dass ihr Sport zu konkreten Veränderungen beitragen kann, Schritt für Schritt, ganz langsam.

Die vier Frauen durchfahren Shahrak-e Aria, ein Viertel, in dem die wohlhabende Schicht logiert. Sie passieren Werbeplakate für Mobiltelefone und Bankettsäle, deren strahlende Lichter und blinkende Glitzerfassaden wie in eine Fata Morgana in dem steinigen braunen Land wirken.

Eskortiert werden sie von ihrem Trainer Abdul Sediqi, der in einem zerbeulten Kombi neben ihnen herfährt. Er ist dafür da, die Frauen vor Anfeindungen zu schützen, denen sie immer wieder ausgesetzt sind. Die heutige Trainingsfahrt bildet keine Ausnahme. Steine werden geworfen, Beschimpfungen werden laut. Manchmal versuchen Autos, ihnen den Weg abzuschneiden, so dass die Mädchen wirklich Angst haben müssen, im Straßengraben zu enden.

„Dass Steine geworfen werden, erleben wir jeden Tag“, meint Mariam Sediqi, die gemeinsam mit ihrem Onkel den afghanischen Radsportverband leitet. Sie selbst hat diese Gewalt am eigenen Leib zu spüren bekommen. Vor ein paar Jahren wurde sie beim Training von einem Motorradfahrer gerammt und trug eine Schulterverletzung davon. Heute unternimmt sie keine Fahrradtouren mehr, die Schmerzen sind zu groß, aber sie baut die jüngeren Frauen auf.

Später, im Haus der Sediqis, berichtet Massouma, wie ihr und ihrer Schwester im liberaleren Teheran ein Fahrrad zugestanden wurde. Nachdem die Familie wieder nach Kabul gezogen war, bewunderte sie ihre männlichen Verwandten, die ohne Probleme Fahrrad fahren konnten. Erst in der Oberschule traute sie sich, die Eltern mit ihrem Wunschtraum zu konfrontieren. Ihr Vater meinte nur: „Du bist ein Mädchen. Du kannst hier nicht Fahrrad fahren.“ Aber sie ließ nicht locker und ging ihrem Vater derart auf die Nerven, dass er schließlich klein beigab.

Die Alizadas gehören zur Mittelschicht und sind eher liberal. Sie gestatteten ihren beiden Töchtern das Fahrradfahren. Aber sie verbargen es vor den Verwandten, speziell vor einem Onkel, der sich vehement gegen Frauenrechte in jedweder Form ausspricht, auch im Bildungsbereich.

„Wenn ich Fahrrad fahre, fühle ich mich richtig gut“, erklärt Zahra Alizada, das ist eine einfache, aber starke Aussage in einem Land, in dem die Gefühle und Selbstfindung einer Frau nicht viel zählen. Jemand bringt die Steinwerfer ins Gespräch. Sadaf Mazari, eine willensstarke 19-Jährige, die ihren Frisiersalon veräußerte, um sich dem Team anzuschließen, wischt das Problem mit einer Handbewegung vom Tisch. „Das passiert jeden Tag, aber es kümmert uns nicht. Wir ziehen den Kopf ein und treten in die Pedale.“

Das zehnköpfige Team hat nur ein sehr geringes Budget zur Verfügung. Die afghanische Regierung lässt monatlich 17 Dollar für jede Radsportlerin fließen. Rückendeckung erhalten sie auch von der Amerikanerin Shannon Galpin, die in Colorado eine Initiative namens Mountain2Mountain gegründet hat. Über sie wurde das Team in den letzten Jahren mit sechzig Rennrädern und zweihundert Kilo Ausrüstung ausgestattet. „Diese Mädchen machen Geschichte. Sie sind revolutionäre Frauen“, wertschätzt Galpin die jungen Sportlerinnen. „Das heißt aber auch, dass sie gefährdet sind.“

Gegen dreiundzwanzig Uhr ist das Training abgeschlossen. Die Mädchen klettern von ihren Rädern, in ihren verschwitzten Gesichtern spiegelt sich das Licht eines nahegelegenen Bankettsaals. Eine Mondsichel erhellt den Himmel. Auf der Straße gafft eine Schar neugieriger Fans. Der 23-jährige Polizist Dour Mohammed hat sich der Gruppe dazugesellt, Abend für Abend schaut er den Sportlerinnen bei ihrem Training zu.

Als er sie vor mehreren Wochen das erste Mal erblickte, war er schockiert und empört. Inzwischen hat er sich an den Anblick gewöhnt und die Sportlerinnen haben eine Sympathie in ihm erweckt. „Es beweist doch, dass sich in unserem Land etwas tut“, meint er. „Wenn ich sie sehe, hebt sich sofort mein Herz.“




Quelle: Gebende Hände-Redaktion; nach einer Information von: „Der Standard“, derStandard.at

Schlagwörter: Afghanistan, Frauen, Sportlerinnen, Fahrrad, Radsport, Nationalmannschaft, Olympische Spiele, Leistungssport, Sport, Gleichberechtigung, Diskriminierung, Steine, Anfeindungen, Gender, Training, Übergriffe, Kopftuch