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Äthiopien: Das Leid der Kinderbräute

Bericht vom 19.10.2011

Über Nacht war ihre Kindheit beendet. Mit elf Jahren musste Ayelech Endashaw das Haus ihrer Familie verlassen und wurde in eine ihr völlig unbekannte Zukunft gestoßen. Ihre Eltern hatten das Mädchen einem älteren Mann als Braut zugesagt. Mit elf Jahren wurde Ayelech Endashaw verheiratet ohne gefragt zu werden.

In ihrem bunt bemalten Lehmhaus breitet sich die Dunkelheit aus. Ayelech macht Licht mit einer kleinen Kerosinlampe, setzt sich auf den mit frisch geschnittenem Gras ausgelegten Lehmboden und entzündet das Feuer im kleinen Tonofen, um Kaffee zuzubereiten. In Korer, einem winzigen Dorf in Äthiopiens Hochland knappe 300 Kilometer nördlich der Hauptstadt Addis Abeba, dämmert es. Mit leiser Stimme berichtet die heute 28-jährige Frau weiter. „Mir ist es damals schlecht gegangen“, sagt sie, „ich habe gelitten.“

Die elfjährige Ayelech stemmte sich gegen ihr Schicksal auf. Sie rannte davon, weg von dem ihr aufgezwungenen Ehemann, weg von der Arbeit im Haus und am Feld, zurück nach Hause zu ihren Eltern. „Meine Eltern sagten, ich sei ungehorsam, weil ich geweint habe. Sie wollten mich zu ihm zurückschicken.“

Doch das Mädchen blieb hartnäckig und die Eltern akzeptieren ihren Willen. Sie errang sich weitere sechs Jahre bei ihrer Familie, bevor für sie dann, mit 17 Jahren, erneut eine Heirat arrangiert wurde. Auch dieser Mann war wesentlich älter als sie selbst. Ein zweites Mal konnte sie sich nicht weigern, sie fügte sich. Und als sie schwanger wurde, gab es kein Zurück mehr. „Da habe ich dann meine Situation akzeptiert.“

In Ayelechs Haus treffen sich einige Frauen aus dem Dorf. Ein Tablett mit Kaffeebechern wandert von Frau zu Frau. Ihre Gesichter befinden sich im Schutz der Dunkelheit. Vielleicht gibt ihnen das den Mut, zu reden. Sie alle wurden als Kinder an ältere Männer verheiratet; keine einzige Frau in der Runde konnte bei dem Zeitpunkt oder der Wahl des Bräutigams mitbestimmen. Yemaldu etwa wurde mit sieben zu einer ihr fremden Familie geschickt und musste sich bei Haus- und Feldarbeit nützlich erweisen. Mit 13 war sie dann erprobt und groß genug, den Sohn des Hauses zu heiraten. Das erste Kind kam schnell danach.

Beide Frauen sind fest entschlossen: Das, was sie als Kinder erdulden mussten, wollen sie ihren eigenen Töchtern nicht antun. Ihre Mädchen sollten zuerst die Schule beenden und dann selbst entscheiden, wen sie heiraten wollen, sagt Ayelech Endashaw. „Ich habe so eine frühe Heirat durchmachen müssen, ich habe Erfahrung damit. Deswegen kämpfe ich dagegen an“, meint Ayelech.

49 Prozent der äthiopischen Frauen, die heute zwischen 20 und 24 Jahren alt sind, wurden als Kinder zur Heirat genötigt. Ihre Ehemänner sind oft schon im fortgeschrittenen Alter. Und oft müssen die Kinderbräute schon als kleine Mädchen im Haus der Schwiegereltern leben und – so wie in Yemaldus Fall – hart anpacken. So prüft die „Schwiegerfamilie“, ob das Kind als Ehefrau taugt, formt es und macht ihm die künftigen Aufgaben klar.

In manchen Gebieten Äthiopiens wird sogar noch der brutale „Brautraub“ praktiziert: Ein Mann lauert einem Mädchen auf – meist auf dem Weg zur Schule, beim Holzsammeln oder Wasserholen –, vergewaltigt und verschleppt es. Dann holt er sich bei den Eltern des Mädchens die Einwilligung zur Heirat. Diese haben praktisch keine andere Möglichkeit, als den Vergewaltiger ihrer Tochter als Ehemann anzunehmen.

Es ist eine alte Tradition, der sich Mutter und Vater fügen, und die – bis vor Kurzem – nie angezweifelt worden ist. Obwohl einer Mutter aus eigener Erfahrung schmerzhaft bewusst ist, was ihre halbwüchsige Tochter wahrscheinlich durchmachen muss, wenn sie mit einem älteren Mann verheiratet wird, hält sie sich dennoch an die traditionellen Regeln.

Der soziale Druck ist einfach stärker. „In der patriarchalischen Gesellschaft Äthiopiens haben Traditionen tiefe historische Wurzeln, und sie werden seit Generationen praktiziert“, erklärt Haile Gabriel Dagne von der Universität Addis Abeba. Oft sei der soziale Druck zu groß, um daraus auszuscheren, was schon die Vorväter für gut befanden haben.

Respekt und Status innerhalb einer Gesellschaft seien eng mit der Durchführung von „schändlichen Traditionen“ verknüpft, meint Professor Dagne. Mit diesem Begriff der „harmful traditions“ (schädliche Traditionen) definiert Äthiopiens Regierung alle Praktiken, die seit Generationen überliefert werden – und gegen Kinder- oder Menschenrechtskonventionen verstoßen.

Ein nationales Komitee zur Bekämpfung dieser Traditionen hat eine Liste an Praktiken zusammengestellt, die verändert werden sollen: Neben der Kinderheirat werden weibliche Genitalverstümmelung, das Zahlen von Brautpreis, bestimmte Geburtspraktiken, Tests zur Überprüfung der Jungfräulichkeit oder ein Verbot für den Verzehr bestimmter Lebensmittel während der Schwangerschaft angeprangert – insgesamt sind es 88 verschiedene Praktiken.



Schlagwörter: Äthiopien, Kinderrechte, Menschenrechte, Kinderbräute, Minderjährige, Mädchen, Gender, Traditionen, Vergewaltigung, Zwangsheirat, Genitalverstümmelung, Tabu, harmful traditions